Veröffentlicht in Texte | Kommentar schreiben »
„Wir“ ist auch ein bisschen übertrieben. Also, es gibt da Studenten an der Uni, die am Bildungsstreik teilnehmen und es gibt viel mehr Studenten, die das nicht tun. Die freuen sich entweder über die besetzten Hörsäle und über aus dieser Konsequenz folgend ausfallenden Veranstaltungen, oder aber sie regen sich künstlich auf.
Auch unter den Streikenden gibt es Unstimmigkeiten, weil einzelne vandalieren und das nicht der Weg der Masse ist, oder aber weil die Organisation bei so vielen einfach schwer zu regeln ist und vieles noch chaotische Strukturen aufweist. Was dann durch die Medien nach Außen dringt sind lediglich die besetzten Hörsäle. Schon wieder. Der gemeine Zuschauer langweilt sich bereits und schüttelt verstädnislos den Kopf. Sollen die Studenten doch lieber mehr Zeit und Aufwand in ihr Studium investieren statt bunte Plakate zu malen.
Die meisten wissen auch nicht, worum es den Studenten geht. Wir möchten eine ganzheitliche Bildung bewahren. Und Bildung, das ist nicht Paragraphen auswendig lernen, Gesetztestexte in sich hinein zwingen oder aber reine Formeln anwenden können. (Auch wenn das in einigen Berufen sicher sehr nützlich ist.) Ganzheitliche Bildung ist soetwas wie die Bildung zum Menschen. Verliebtsein in Bücher und Texte, in Philosophen und deren Lehren, es verstehen, Kritik zu üben, sich selbst erproben. In andere Welten eintauchen, mal eine Mathevorlesung mitnehmen obwohl man Geschichte studiert, mal etwas über Kant lernen obwohl man BWLer ist, in den verschiedenen Feldern experementieren.
Wir möchten nicht instrumentalisiert werden um in die Gesellschaft zu passen, wir möchten die Gesellschaft selber entwerfen. Es kann kein Ziel sein, später in einem Unternehmen als ‘human resource’ ausgebeutet zu werden. Möglichst jung, möglichst qualifiziert, möglichst kein burn out mit Anfang 30. Was macht so ein Bachelorabschluss mit einem sehr jungen Menschen, wie oft hatte er die Chance sich auszuprobieren bevor es galt nur noch zu funktionieren?
Es wird uns mit den neuen Reformen fast unmöglich gemacht. Die Stundenpläne sind voll, nebenbei arbeiten ist kaum noch möglich. Schlafen mit einem Kredit im Hinterkopf ist ungemütlich. Die Veranstaltungen werden zugelost, niemand fragt ob du dich dafür wirklich interessierst oder ob du das Thema schon mehr als einmal behandelt hast. Module in Geisteswissenschaften sind so sinnlos, man würde auch keinem BWL-Studenten zumuten jedes Semester Statistik I zu belegen, egal ob er es bereits einmal bestanden hat oder nicht.
Natürlich gibt es Gründe, nicht dagegen zu sein. Weil es sehr viele Studiengänge gibt, in denen die Modularisierung von Vorteil ist und hilfreich sein kann. Die streiken dann natürlich nicht. Auch nicht gegen Studiengebühren, denn deren Fakultäten bekommen die positiven finanziellen Auswirkungen oft zu spüren. Die Lampen der Pädagogen in der Uni Köln wurden hingegen bloß mit einem Netz gesichert, nachdem mehrere drohten von der Decke zu fallen. Es gibt zwei, drei neue Bücher, aber mehr Veranstaltungen die mehr Diversität bringen? Nein.
So gibt es also viele Studenten die ihr Herzblut in den Bildungsstreik legen, verzweifelt und oft genug erfolglos versuchen, andere Studierende zum Mitmachen zu bewegen. Einige Dozenten halten den Rücken frei, verzichten auf Anwesenheitslisten und halten die Humboldt-Lesung inmitten des streikenden aber applaudierenden Pulks.
Die Medien werden wieder nur die Hörsäle zeigen und wie übermüdete Studenten von dreimal so vielen Polizisten herausgetragen werden. Niemand fragt, worum es wirklich geht. Und dann stehen wir wieder da, als würden wir bloß die lästigen Gebühren loswerden wollen um uns das gemütliche Langzeitstudium zurückzuerobern. Dass wir aber für etwas kämpfen das essentiell für diese Gesellschaft ist, verstehen die Wenigsten.
Wenn wir nicht anfangen über die Konsequenzen von der Zentralisierung des ganzen Bildungssytsems nachzudenken, werden wir in einigen Jahren nur noch Menschen hervorbringen die als Instrumente der globalisierten Welt funktionieren und verlernt haben, wirklich Mensch zu sein.
Veröffentlicht in Texte | 4 Kommentare »
So ein Studentenleben finanziert sich nicht von selbst, und leider finanzieren die Eltern und das Bafög Amt auch nicht. (Mal so am Rande, Hartz IV für Studenten, gibt’s das?!)
Mir bleibt also nichts anderes, als zu arbeiten. Ich hatte sie alle. Und ich hatte so viele Jobs. Ich kann kellnern, kassieren, animieren, terminieren. In allen Sparten.
Dann wollte ich ein bisschen flexibler sein und wurde selbstständig. ‘Promotion und Messehostess’ steht dort auf dem Gewerbeschein.
Es hat viele Vorteile. Promotioneinsätze finden in den unterschiedlichsten Bereichen statt und es treffen die unterschiedlichsten Menschen aufeinander. Man kann viel Spaß haben, nachts auf einer Party im Mittelpunkt des Ganzen und von allen Seiten blitzen die Handykameras. Man kann auch weniger Spaß haben, beim Flyer verteilen, tagsüber, mit vielen betrunkenen und desillusionierten Fußballfans.
So viel zu den Jobs. Die Bewerbungen sind aber das eigentlich Spannende. Auf verschiedenen Promotion-Plattformen meldet sich der gemeine Promoter an und erstellt eine Setcard. Fotos möglichst vorteilhaft. Referenzen beschönigt. Gewicht -5kg. Charaktereigenschaften standarisiert: offen, kommunikativ, belastbar, flexibel, erfahren, zuverlässig, charismatisch, fließend und akzentfrei der deutschen Sprache mächtig, teamorientiert, immer freundlich und vor allem: gutaussehend.
Ja richtig. Gutaussehend ist in der Promtionbranche eine Charaktereigenschaft. Und sie gehört zum guten Ton.
Wenn die individuelle Standardbewerbung der Agentur gut gefällt, lädt man zum Casting ein. Spätestens da fängt der Albtraum an. Denn viele Promoterinnen sind mindestens äußerlich das, was im Jobprofil gefordert worden ist. Groß, schlank, wunderschön. Ich dagegen, groß, speckig, viel weniger schön. Sie sprechen außerdem mindestens 4 Sprachen (deutsch & türkisch/russisch Muttersprache, englisch/französisch fließend, spanisch sehr gut). Ich bin froh, dass ich die deutsche Sprache beherrsche und mich auch in englisch verständigen kann. Meine guten Latein und Altgriechisch Kenntnisse kamen mir noch nie zu Gute.
Nach so einem Casting geht es mir und meinem Selbstbewusstsein tagelang nicht so gut.
Gebucht werden meistens die anderen. Nicht immer. Aber wenn ich gebucht werde, kommt die nächste Panik. Passe ich in die Aktionskleidung und wenn ja, kann ich mich dann noch bewegen?
Ich übertreibe nicht. Ich habe wirklich schonmal nicht reingepasst.
Ich habe viel gesehen, viel erlebt, viele Menschen kennengelernt. Und weil ich all das nicht missen möchte, werde ich jetzt abnehmen. Um weiterhin gut gebucht zu sein.
Veröffentlicht in Texte | Kommentar schreiben »
Vielleicht nimmst du dir manchmal, was dir nicht gehört, eine Frau, ein Auto, ein bisschen Geld, vielleicht tust du hin und wieder jemandem auch weh weil es vielleicht nicht anders geht. Vielleicht bist du auch nur der, der jemanden kennt der soetwas vielleicht mal macht und vielleicht sagst du einfach nichts. Vielleicht hat es für dich auch Vorteile, ein neues Handy vielleicht.
Vielleicht betreibst du auch nur harmloses Mobbing, weil die Schuhe out sind, weil der Ed Hardy Pulli gefälscht ist, weil die Nase nicht so gerade ist, weil du vielleicht sonst nicht viel zu lachen hast. Vielleicht schreibst du Respekt mit ck.
Vielleicht sitzt du bloß da und schreibst das Drehbuch zu dem nächsten neusten teuersten Actionfilm, je realer desto besser. Mehr Schießereien, mehr Blut, mehr Psycho, mehr kaputte Autos. Vielleicht bist du auch der Regisseur, der Schauspieler, der Protagonist, der Antagonist, vielleicht auch nur der Zuschauer.
Vielleicht sitzt du bloß da und spielst Resident Evil 4, du erschießt die Hühner, bestiehlst die Leichen, trauerst um den sterbenden Partner in deinen Armen. Vielleicht aber bist du auch der Graphiker, der Autor, der Herausgeber.
Vielleicht hast du bloß vergessen deinem Kind Werte und Moral beizubringen weil im TV etwas besseres lief. Vielleicht wünschst du dir die Todesstrafe zurück, weil Menschen nur durch Töten lernen, dass Töten falsch ist. Vielleicht schreist du, statt zu reden. Vielleicht wärst du nur gerne ein Soldat, der auch einen Feind niederschießen darf. Vielleicht bist du bloß ein Hooligan der nur aus Liebe zu seinem Verein handelt. Vielleicht hat dich deine Mama einmal zu wenig in den Arm genommen.
Vielleicht sitzt du bloß vorm Fernseher und startest online eine Hass Kampagne, weil es so gut ankommt und du dich vielleicht gerade nicht anders zu beschäftigen weißt.
Du bist Amok. Weil Gewalt dich unterhält.
Veröffentlicht in Texte | Kommentar schreiben »
Manchmal kann man nicht seinen Hormonen die Schuld dafür geben, dass man am liebsten einen Stein gegen das nächste teure Auto werfen möchte. Oder dass man die Menschen in den schlimmen Fernsehbeiträgen anschreit, immer lauter in der Hoffnung, sie hören es doch und entschuldigen sich sofort und auf der Stelle für ihren dümmlichen Auftritt und gehen, und holen einen Schulabschluss nach. Oder dass man an der Kasse unfreundlich zu der alten Oma wird, nur weil sie die 12,65€ in Cent-Stücken bezahlt.
Bereit jeden Menschen grimmig gegenüber zutreten und zumindest in Gedanken auch mal zu schubsen, nur damit man sich ein bisschen weniger schlecht fühlt, in der Bahn nur mit Augenrollen den Platz neben sich freizumachen und die Tasche ganz langsam und schwermütig rüberheben, der Kassierin einfach mal keinen schönen Feierabend wünschen und Sms bis zum nächsten Tag unbeantwortet lassen.
Es alles im gleichen Moment bereuen und doch nicht über seinen Schatten springen wollen. Ausnahmezustand.
Veröffentlicht in Texte | Kommentar schreiben »
